Fuji X-E2 Review

 Fuji X-E2 Review – oder : Oskar Barnack macht Urlaub!

Oskar Barnack wird zurecht als Pionier der Photographie gefeiert, denn es ist sein Verdienst, dass seit 1914 Kameras für Jedermann erschwinglich und – vor allem transportabel – wurden! Wie kam es dazu? Vereinfacht gesagt hat der liebe Oskar geschnauft wie eine russische Dampflok, wenn er die riesigen Platten- und Großformatkameras herumschleppen musste. Abhilfe musste her! Er ersann also eine kompakte Kamera, welche statt riesiger Negative die – verhältnismäßig – kleinen Kinofilme verwendete. Objektive und auch die Kameras schrumpften im selben Maßstab und : Tadaaah! Die Kleinbildphotographie war geboren! Schuld war übrigens Oskars Asthma. Irgendwie kann auch ich das ausgesprochen gut verstehen, wenn ich mit meiner Spiegelreflexkamera und mehreren Kilo an Objektiven im Rucksack durch Städte keuche und der Schweiß mir übers Gesicht läuft. Ja, geht das denn nicht einfacher, sprich : leichter? Ich frage mich : Welche Kamera würde der gute Oskar denn kaufen oder erfinden, wenn er heute Leben würde?

Vielleicht (zugegeben : eine gewagte These!) die Fuji X-E2! Nach der Fuji X Pro 1 und der Fuji X-E1 sozusagen die dritte Evolutionsstufe der X-Reihe. Unscheinbar, schwarz und durchaus gewollt “auf retro gebürstet” liegt sie vor mir… und atmet den Geist von “Photographie für alle!”

Versteht mich nicht falsch : Diese Kamera fordert ihren Besitzer und hat es in sich! Dennoch möchte ich die technischen Daten nur kurz anreißen, denn die Fuji X-E2 begreift man nicht durch nackte Zahlen. Mann muss sie be-greif-en, anfassen und eine Verbindung zu ihr aufbauen (nein, nicht über WLAN, obwohl sie auch das kann). Denn darum geht es eigentlich in der Photographie : man will Gefühle transportieren – und das vermag die X-E2 bereits, bevor man auch nur ein Bild mit ihr geschossen hat.

Doch auch emotionslos und nach Faktenlage beurteilt macht sie eine gute Figur, die Fuji. Der phänomenale Sensor im APS-C-Format produziert 16,3 MP, die dank Verzicht auf einen Tiefpassfilter eine Schärfe produzieren, dass einem die Augen wehtun. Außerdem darf Fuji als Musterbeispiel gelten, was die Maxime “Hör Deinen Kunden zu” angeht. Permanent setzte Fuji Anregungen der Fuji-User um und wurde nicht müde, den (in der Fuji X Pro 1 noch ziemlich mittelmäßigen) Autofokus permanent weiterzuentwickeln, sodass ich nun eine Kamera vor mir habe, die technisch mancher DSLR in die Suppe spuckt.

Und dennoch…. man traut es dem Winzling irgendwie nicht zu. Der Kamerabody ist kaum größer als eine Kompaktkamera und macht nicht viel Aufhebens. Die X-E2 wird in der Masse von knallbunten Kameragehäusen, riesigen Tele-Objektiven und Carbon-Stativen einfach übersehen… und ich schwöre euch : Das will sie auch!

Würde der werte Oskar heute leben, hätte er sich wahrscheinlich bis vor kurzem in seinem Istanbul-Urlaub mit seiner Sony Alpha 99, seinem Carl Zeiss 24-70mm f2.8 SSM und seinem Sony 70-200mm f2.8 SSM abgeschleppt und sich über den mangelnden Service im Hilton und die unglaublich langen Wartezeiten bei der Einreise am Flughafen geärgert!… Ja, ok, ich geb’s zu : Ich projeziere hier vielleicht ein kleines bisschen meine Erlebnisse meines Urlaubs 2013 – aber grundsätzlich wäre es bestimmt ganz genau so gewesen. Eine Kamera, zwei Objektive mit einer Lichtstärke von 2.8 und kein Blitz. Gesamtgewicht : Gut und gerne 4 kg! Man bedenke : Die Hälfte hiervon hängt man sich um den Hals und schleppt das Gewicht den ganzen Tag umher.

Wenn man sich stattdessen das Fuji X-E2-Lineup ansieht, welches ich für Street- und Reisephotographie empfehle, gehen einem die Augen auf und das geplagte Duo (Nacken und Rücken) seufzt verzückt :

Eine Kamera mit eingebautem Blitz, zwei Objektive mit einer Lichtstärke von 1.4 und ein drittes Objektiv mit einer Lichtstärke von 2.8. Gesamtgewicht : keine 2 Kilo! Oskar hätte aufgeatmet! So neumodischen Schnickschnack wie Zoom-Objektive mochte er nämlich gar nicht leiden. Außerdem ist diese Zoomerei sowieso eine Volkskrankheit! Mit Festbrennweiten, wie Fuji sie anbietet, nimmt man die Umwelt anders wahr und schult seinen Blick. Anfangs dachte ich : “Oh Gott! Ohne Zoom verpasse ich ganz bestimmt Millionen preisverdächtiger Bilder!” Mit Verlaub, Gentlemen : Bullshit.

Mit Festbrennweiten (also Objektiven ohne Zoom) konzentriert man sich auf den Bildausschnitt, den das Objektiv liefert und setzt die Kamera gezielter ein. Man rennt nicht wie ein Retardierter wild am Zoomring drehend durch die Stadt und schießt 100 mittelmäßige Bilder, sondern lustwandelt wachen Blickes durch die Welt und kommt zwar nur mit 20, 10 oder auch nur 5 Bildern zurück – aber diese Bilder verströmen Seele, Stil und erlauben einen Einblick in die Sichtweise des Photographen auf die Welt. Kurz : diese Bilder transportieren Gefühl.

Welche Objektive empfehle ich also als “Reduce to the Max Ausstattung” für die Fuji X-E2 (oder jede andere X-Mount-Kamera von Fuji) und warum?

  • 14mm f2.8 – Ein eindrucksvolles Ultraweitwinkelobektiv mit guter Lichtstärke zur Photograpie von Landschaft oder Architektur. Tiefenschärfe? Kein Problem, selbst bei Offenblende!
  • 23mm f1.4 – Ein 35mm-Äquivalent. Die klassische Reportagebrennweite, viermal so lichtstark wie das 14mm-Objektiv, ultrascharf, wundervolles Bokeh und verzeichnungsfrei: Eine Meisterleistung.
  • 35mm f1.4 : Ein 50mm-Äquivalent. Die klassische Portraitbrennweite – ansonsten : Siehe oben.

Oskar würde vor Freude im Viereck springen, dann furchtbar keuchen und es dann doch vorziehen, sich still schmunzelnd zu freuen : Eine kleine, leichte und dennoch hochwertige Kamera mit ebensolchen Objektiven, die die arrivierte Konkurrenz grimmig mit den Zähnen knirschen lässt. In der subjektiv viel zu kurzen Zeit, die ich mit der Fuji X-E2 nebst Objektiven verbrachte, wuchs mir das kleine schwarze Kästchen sofort ans Herz. Ich beobachtete mich selbst, wie ich auf einmal altbekannte Motive ganz neu für mich entdeckte und die Kamera viel öfter in die Hand nahm als eine DSLR.

Durch die Limitierung auf Festbrennweiten suchte ich gezielt die Bildausschnitte, die “funktionierten”, fing an zu experimentieren und (er)lebte Photographie endlich wieder aktiv. Es kam mir nicht vor, als wäre die X-E2 eine Kamera, die ich mit mir herumtrug, sondern wie eine Erweiterung meines Körpers und fast wie ein Sinnesorgan, mit dem ich die Welt sehe. Ich konnte mehr über das Bild und dessen Aussage nachdenken als über den technischen Hintergrund und die zu treffenden Einstellungen.  Es ist wie beim Autofahren : Erst, wenn einem das Kuppeln, Bremsen, Blinken, Gasgeben und die ganzen Verkehrsregeln zur zweiten Natur geworden sind, kann man “mitschwimmen”. Für mich sind das Autofahren wie auch die Photographie jedenfalls beide wundervoll meditativ. Ich kann die Gedanken sich selbst überlassen und abschalten. Herrlich!

Bei all diesen Lobeshymnen fand ich jedoch auch ein paar Kritikpunkte, die mich an der neuen Ikone störten :

  • Der Autofokus! Ja, tatsächlich. Wobei ich hier auf hohem Niveau jammere : In 97% aller Fälle findet er sofort und rasant den passenden Schärfepunkt und dann kann man sich auch sicher sein, dass die Schärfe auch absolut exakt sitzt. Bei schwierigen Lichtsituationen oder allzu mangelhaftem Kontrast jedoch kann es passieren, dass der Autofokus komplett verwirrt ist und  sich dann bei diesen Punkt auch nicht dazu überreden lässt, scharf zu stellen. Grrrr!
  • Die Schreibgeschwindigkeit der Bilder auf die Speicherkarte könnte höher sein. In den wenigen Situationen, in denen ich mit der X-E2 mehrere Bilder in Folge schoss, hemmte mich dieser Umstand in meinem “Flow” – trotz einer “Extreme Pro”-Karte mit sehr hoher Schreibgeschwindigkeit.
  • Ich persönlich finde bestimmte Motive sehr reizvoll, die einen hohen Dynamikumfang aufweisen (also krasser Kontrast zwischen dem hellsten und dem dunkelsten Punkt). Hierfür würde mir ein eingebauter HDR-Modus sehr entgegenkommen…. oder einfach nur eine Belichtungsreihe, die mehr als nur +/-1 EV abdeckt.

 

Mein abschließendes Fazit? Kaufen! Wer den Nimbus der Streetphotography spüren und ein kleines Stück von Oskars’ Vision in Händen halten will, findet wohl zu diesem Preis keine bessere Kamera und keine besseren Objektive, die Autofokus zu bieten haben.

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