Minolta 300mm f2.8 APO G HS

Minolta 300mm f2.8 APO G HS – Traumglas oder nutzloser Koloss?

Mit dem Minolta 300mm f2.8 APO G HS ist es ein wenig wie mit dem Autofahren : Jeder Fahranfänger wird sich für Autos interessieren – und meist nicht für den VW Passat Variant, sondern für die richtigen Boliden. Ferrari, Lamborghini, Porsche, Mercedes.

Meist bleiben diese Autos Träume – aber manchmal, ja, manchmal geht der ein oder andere Wunsch in Erfüllung.

Doch wir wollen uns heute nicht mit Autos beschäftigen. Objektive sind das Thema der Wahl. Auch hier gibt es Traumobjektive, die jedem passionierten Photographen sofort den Speichel in den Mund und den Puls in die Höhe treiben. Bezogen auf das Minolta/Sony A-Bajonett gibt es hier einige optische Leckerbissen. Ganz sicher im oberen Fünftel des oberen Fünftels der Begehrlichkeitsskala zu finden ist das Minolta 300 mm f2.8 APO G HS.

Was alleine schon dem Namen nach ein ganz schöner Koloss ist, steht dem in natura in keinster Weise nach :

  • 2475 Gramm Kampfgewicht
  • 12,8 x 24 cm
  • Naheinstellgrenze von 2,50 Meter
  • Gefertigt im Jahre 1988 (!)
  • Mit f2.8 VIERMAL so lichtstark wie ein Objektiv mit f5.6 (was Standard ist bei dieser Brennweite)
Minolta 300mm f2.8 APO G HS

Sony A7R mit Minolta 300mm f2.8 APO G HS

Allein diese Daten flößen einem schon Ehrfurcht ein, können aber nicht im Ansatz beziffern, wie beeindruckend das Minolta 300mm f2.8 APO G HS wirklich ist. In den letzten 25 Jahren haben sich die Taktfrequenzen von Computern mehr als verhundertfacht, Digitalkameras sind entstanden und haben mittlerweile Auflösungsrekorde aufgestellt, die auch die besten Optiken an ihre Leistungsgrenzen führen und Fehler gnadenlos offenbaren.

All das lässt den weißen Titanen von Minolta ungerührt. Zeitlos und scheinbar auch vom Zahn der Zeit unbeeindruckt harrt das Minolta 300mm f2.8 APO G HS der Dinge, die da kommen mögen. Wenn ein Objektiv ein Vierteljahrhundert überdauert und sowohl mechanisch wie auch optisch derzeit kaum etwas Besseres zu erhalten ist, dann zeigt das sehr eindrucksvoll, wie detailversessen und exakt hier gearbeitet wurde.

Alt = langsam? Keep talkin’, bitches!

Dass Minolta schnelle Fokussierungen zustande bringt, wurde mir bereits durch das 80-200mm f2.8 APO G HS – sozusagen dem kleinen Bruder des Minolta 300mm f2.8 APO G HS – eindrucksvoll vorgeführt. Vergessen wir aber nicht, dass hier nochmal 100 mm Brennweite oben draufgepackt wurden. Davon unbeeindruckt haut einem das 300er Minolta den Fokus nur so um die Ohren. Von nah auf unendlich, von fern auf nah – ganz egal. Drück den Auslöser halb durch, im selben Moment hörst Du ein leichtes “Klack” und der Fokus sitzt. Hierbei geht die Fokussierung deutlich sanfter zu Werke als beim kleinen Bruder (KLACK! BÄNG!), dessen Drehmoment einem fast die Kamera aus der Hand reißt (ok, leichte Übertreibung…)  und lässt sich ebenso wie dieser auch von schlechten Lichtverhältnissen nicht in seiner Raserei stoppen.

Wie? Immer noch nicht schnell genug? Wem es nun wirklich auf die letzte Hundertstelsekunde ankommt oder bei kontinuierlich nachgeführtem Fokus (“C”-Modus an meiner Alpha 77) nicht durch Objekte im Nahbereich durcheinandergebracht werden mag, dem sei der Fokuslimiter ans Herz gelegt.

Hiermit kann man den Fokusbereich nach Belieben verändern und eingrenzen. Auf diese Art muss das Objektiv nicht mehr den gesamten “2,5 m – unendlich”-Suchlauf veranstalten, sondern beginnt seine Reise erst ab 10 Metern. Oder 8. Oder 5. Ganz egal. Natürlich funktioniert das auch andersrum : Weiß ich, dass ich nur im Nahbereich fokussieren werde, klammere ich die Unendlich-Einstellung einfach aus und lasse das 300er nur zwischen 2.5 und 5 Meter fokussieren. Oder zwischen 8 und 10 Meter. Ganz, wie man mag. Die so erreichten Fokusgeschwindigkeitendes Minolta 300mm f2.8 APO G HS sind einfach nur als pervers zu bezeichnen Minolta 300mm f2.8 APO G HS

Spieglein, Spieglein…. in der Cam

Auf was es aber ankommt, sind letzten Endes nicht nur eine hohe Lichtstärke, unverwüstliche Mechanik oder ein brachialer Fokus. Auf all das kann letzten Endes verzichtet werden, wenn die optischen Resultate nicht stimmen. Wenn der Spiegel hochklappt und das Licht einfällt, muss das Bild, das vom Objektiv auf den Film oder den Sensor gebündelt wird

  • scharf
  • kontrastreich
  • farbecht
  • lebending

sein. Auch wenn der automatische Weißabgleich der meisten Kameras einen guten Job macht : Ohne ein gutes Objektiv ist das auch nur die halbe Miete. Und auch hier spielt das apochromatisch (APO) korrigierte Glas von Minolta seine Stärken sehr unbescheiden aus. Knackige Farben, ohne künstlich zu wirken – satte Kontraste, ohne die Dynamik leiden zu lassen und Schärfe, dass manchem Modell Angst und Bang wird (“Ui, schau Dir mal diese Pore an!”).

Das nachstehende Bild habe ich mit dem Minolta 300mm f2.8 APO G HS an der Sony A77 geschossen. Einfach anklicken für volle Auflösung bei flickr.

Minolta 300mm f2.8 APO G HS

Zwar kein Supermodel, aber trotzdem sehr scharf abgebildet! Minolta 300 2.8 APO G HS mit Sony A77 – das entspricht einer Brennweite von 450 mm f2.8 mit einer Tiefenschärfe von ca. f4.0

Minolta 300mm f2.8 APO G HS – Scharf, scharf, scharf…. oder doch nicht? Das Bokeh.

Über wenige Dinge wird in der Photographie so viel philosophiert wie über das Bokeh. Ein Grund für die vielen Meinungen hierzu ist, dass das Bokeh – anders als Lichtstärke oder Brennweite – nicht quantifiziert, in Tabellen gepresst und (pseudo)-obektiv verglichen werden kann. Das Bokeh, das der eine noch als “wundervoll cremig” bezeichnet, empfindet der nächste schon wieder als “matschig und verlaufen”. Ich kann daher nur meine Meinung abgeben : Das Bokeh ist erstklassig und eignet sich hervorragend zum Freistellen des Motivs vom Hintergrund. Es setzt mit einer seidigen Unaufdringlichkeit ein, die ich sehr angenehm empfinde und lässt den Hintergrund sanft, aber dennoch in kürzester Distanz in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Leica hätte es nicht besser machen können!

Minolta 300mm f2.8 APO G HS

Eine geschlagene halbe Stunde habe ich auf dieses Bild gewartet. Hat sich gelohnt :-)

Pixelpeeping.

Als Pixelpeeper bezeichnet man jemanden, der ein Bild in die 100% Ansicht vergrößert und sich dann über die Qualität jedes einzelnen Pixels Gedanken macht : “Rauscht das? Bestimmt! Ouh, da ist noch ein wenig Unschärfe am Rand – und die Verzeichnung erst : Huiui!”

Solche Leute sind der Hit auf jeder Party, reden jedes Bild schlecht und ich bin sicherlich keiner von ihnen. Dennoch sei der Vollständigkeit halber erwähnt :

  • Bei Offenblende (2.8, wohlgemerkt, ich kanns gar nicht oft genug sagen : Zwo-Komma-Acht!) und in der 100% Ansicht (und nur dort) wird man an harten Kanten einen Hauch von CA feststellen. Sprich : Lilafarbene oder grüne Farbsäume.
  • Bei Offenblende zeichnet der weiße Titan absolut scharf. Wer aber noch die Härchen auf den Haaren der Mücke sehen will, sollte auf irgendwas zwischen 3.2 und 3.5 abblenden. Dieser Zugewinn ist kaum sichtbar und spricht für die enorme optische Güte des Minolta 300mm f2.8 APO G HS bereits bei Offenblende.

Minolta 300mm f2.8 APO G HS -  Was gibt es sonst noch zu sagen?

300 mm Brennweite sind eine verdammte Menge Holz. Beachtet man, dass Sony derzeit (Januar 2014) mit der Alpha 99 nur EINE Vollformatkamera mit A-Mount anbietet, wird klar, was das bedeutet. Die meisten Kameras für das Sony A-Mount haben einen APS-C-Sensor = 1.5-facher Cropfaktor!

Minolta 300mm f2.8 APO G HS

A propos Crop-Faktor : Minolta 300mm f2.8 APO G HS und Sony A77 ermöglichten dieses gigantische Foto! So nah, als wär ich im Gehege gestanden.

Für alle, die keine Photonerds sind, bedeutet das : An einer Kamera mit APS-C Sensor benimmt sich das Minolta 300mm f2.8 wie eine 450mm-Brennweite mit 2.8er Lichtstärke! Für solch ein Teil hätten Vollformatphotographen früher getötet! Immer noch nicht genug? Pack den 2-fach Telekonverter von Sony oder Minolta (Achtung : Nur die HS-II-Version verwenden!) drauf und Du hast eine 600mm f5.6 Brennweite (bzw. auf APS-C gerechnet : 900mm f5.6!). Wenn man sich vor Augen führt, dass Sony vor Kurzem ein 500mm-Objektiv mit 4.0er Blende für schlappe 13.000 Euro präsentiert hat, wird die Relation erst so richtig deutlich Minolta 300mm f2.8 APO G HS

Ich denke, es ist mittlerweile mehr als klar geworden, dass ich das Minolta 300mm f2.8 APO G HS vergöttere. Dennoch möchte ich es nicht besser reden, als es ist. Genauso, wie ein Formel-1-Bolide für den normalen Straßenverkehr absolut untauglich ist, ist dieser Objektivgigant für den “Normalgebrauch” denkbar ungeeignet :

  • sauschwer
  • riesengroß
  • Naheinstellgrenze von 2,50 Meter (man braucht viiiel Platz zwischen Kamera und Motiv)
  • KEIN Zoom! Feste Brennweite!

Diese Einschränkungen reduzieren die Anwendungsmöglichkeiten des Minolta 300mm f2.8 APO G HS auf Konzertphotographie, Tierbeobachtung, Sport- und Actionphotographie (Fußball, Boxen, Rennsport usw.) oder einfach als überragendes Paparazzo-Glas Minolta 300mm f2.8 APO G HS Für den alltäglichen Gebrauch müsste man schon die Oberarme eines Bodybuilders und die Hände eines Chirurgen haben, um dieses Monstrum die ganze Zeit herumzuschleppen und dann auch noch ruhig zu halten. Ich empfehle Freihand-Belichtungszeiten von nicht unter 1/500 Sekunde – oder 1/100 Sekunde, wenn man eine verdammt ruhige Hand und nicht so hohe Ansprüche an die Schärfe hat.

Ein Gedanke zu “Minolta 300mm f2.8 APO G HS

  1. Hallo und vielen Dank für diesen begeisterten “Bericht” zu dem Minolta 300mm.
    Ich hatte das Glück, dieses Objektiv für einen guten Preis in der HS-Version zu erwerben. Ich erwarte jeden Tag die Lieferung. Es stammt aus einer Sammlung und wurde fast nich benutzt.
    Nach Deiner Lektüre bin ich nun noch ungeduldiger, es endlich das erste Mal an meiner alpha 77 zu testen.
    Bislang habe ich ein Sigma 150-500mm genutzt, bin aber mit den Ergebnissen nicht sonderlich zufrieden. Aufgrund der geringen Lichtstärke sind Fotos bei schlechten Lichtverhältnissen nur mit Stativ brauchbar. Ansonsten ist eine Belichtungszeit von 1/1000 ratsam, um gute Ergebnisse zu erzielen.
    Nochmals danke für den Artikel.

    Gruß
    Torsten

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